Steffen Freund (56) war Co-Trainer in Tottenham und 2012 der erste Deutsche in einem Premier-League-Trainerstab. Vergangene Woche war er wieder mehrere Tage in England und bei den Spurs zu Gast. Er macht zum 1. Spieltag den großen Saisoncheck.
SPORT BILD: Herr Freund, verteidigt Meister Arsenal seinen Titel?
Steffen Freund (56): [–>Sie sind die Favoriten, weil sie am gefestigsten sind. Mit der ersten Meisterschaft nach mehr als 20 Jahren ist der enorme Druck weg, das macht Kräfte frei. Man hat es gesehen: Als die Spieler von der WM zurückkamen, waren alle richtig gut drauf. Ich glaube sogar, es beginnt eine Arsenal-Ära, weil sich alles kontinuierlich aufgebaut hat. Sie können auch die Nummer 1 in Europa werden.
Premier League: Liverpool für Freund „Wundertüte“
Mit Man City, Chelsea und Liverpool haben drei Top-Klubs neue Trainer. Welcher schlägt am besten ein?
Enzo Maresca hat den Vorteil, dass er bei Man City als Guardiolas ehemaliger Assistent die Philosophie schon kennt. Das ist ein gutes Match. Durch die starken letzten Jahre ist da aber auch sofort Druck auf dem Kessel. Bei Xabi Alonso und Chelsea habe ich erst einmal ein Fragezeichen. Wichtig: Der Verein gibt ihm die Power, das Team nach seinen Vorstellungen zu bauen. Da wissen wir aus Leverkusen, was das bringen kann. Und er übernimmt den Klub als Zehnter, hat also viel Verbesserungspotenzial. Beide Teams sind Topfavoriten auf die Champions-League-Plätze und könnten mit der richtigen Dynamik bis Weihnachten auch ganz oben angreifen.
Und Liverpool?
Das ist eine wackelige Geschichte, eine Art Wundertüte. Andoni Iraola hat bei Bournemouth eine Riesenarbeit gemacht, aber in Liverpool gibt es nach Klopp und Slot den Anspruch, Meister zu werden. Das kann den Trainer erdrücken. Die Top 4 wären aus meiner Sicht ein Erfolg.
Ex-Profi und TV-Experte Steffen Freund (56/r.) war vergangene Woche in England u. a. bei Tottenham zu Gast. Hier begrüßt er Weltmeister und Spurs-Rechtsverteidiger Pedro Porro (26)
Drei Transfers für mehr als 100 Mio. gab es bisher: Morgan Rogers für 138 Mio. Euro von Aston Villa zu Chelsea, Elliot Anderson für 135 Mio. von Nottingham zu Man City und Sandro Tonali für 108 Mio. von Newcastle zu Tottenham.
Ich bin da immer noch erschrocken, wenn ich die Summen sehe. Das sind sehr gute Spieler, aber schon auch überteuert. Für Rogers und Anderson ist das natürlich der entscheidende Karriereschritt zu einem Spitzenklub. Es spricht für die Liga, dass für diese Spieler Klubs aus dem Ausland gar nicht mehr infrage kommen.
Ihr Ex-Klub Tottenham verhinderte den Abstieg als Tabellen-17. nur ganz knapp, mit gerade einmal zwei Punkten Vorsprung. Wird mit Roberto De Zerbi jetzt alles besser?
Der größte Fehler war es, Ange Postecoglou nach dem Europa-League-Titel vor einem Jahr zu entlassen. Es war erst die zweite Trophäe seit dem Ligapokal 2008. Diese Bedeutung für den Klub wurde unterschätzt. Aber nach den starken Jahren unter Pochettino hatte sich der Maßstab verschoben. Coach Thomas Frank war letzte Saison überfordert, Nachfolger Igor Tudor hat die Mannschaft moralisch runtergezogen. De Zerbi passt perfekt.
Wieso?
Er ist ein Trainer der neuesten Generation, der alle Möglichkeiten mit 20 Leuten im Staff oder Video-Schulungen am Platz nutzt. Ich war beim Training. Es macht Freude zu sehen, wie das Team unter ihm hinten rausspielen will. Das ist die Spurs-DNA, die Spieler nehmen das an. Dazu gibt es einen Umbau. Wer nicht bleiben will, kann gehen. Mit 267 Mio. kamen viele gute Neue. Und De Zerbi ist ein echter Typ. In dieser Konstellation bin ich mir sicher, dass sie wieder einen Europapokal-Platz erreichen werden. Aber ich habe Sportdirektor Johan Lange noch einen Rat gegeben.
Welchen?
Ich hatte ihm vor kurzem gesagt: Sie sollen Saïd El Mala kaufen. Der ist auf dem Markt, Köln schielt auf eine große Ablöse, die die Spurs stemmen können. Und er würde perfekt passen. Englands Top-Top-Klubs sind noch zu groß für ihn.
Bei Manchester United hat sich Michael Carrick von der Interims- zur Dauerlösung gemausert.
Er begeistert mit seiner Coolness – so hat er diesen Verein mit dem hektischsten Umfeld der Liga wieder in die Balance gebracht. Das haben viele große Trainer vor ihm nicht geschafft. Er liest das Spiel wie damals als Mittelfeldspieler. Obwohl andere Kader individuell besser besetzt sind, traue ich ihnen wieder Platz 3 zu – ohne Meisterschaftskandidat zu sein.
Jaissle, Glasner, Farke, Hürzeler und Rose: Welches aus der Bundesliga bekannte Trainer-Gesicht hat den größten Erfolg?
Fabian Hürzeler hat in Brighton bewiesen, dass er Erfolg haben kann, und wird seinen Weg gehen, solange er wieder bodenständig wird. Dass er im Frühjahr Arsenals Spielweise öffentlich kritisierte – das macht man nicht. Oliver Glasner ist mit der unterschätzteste Trainer. Die drei Titel mit Crystal Palace waren ein Wunder. Ich traue ihm zu, dass er auch mit Nottingham eine Trophäe gewinnen kann, der Verein kann etwas aufbauen. Daniel Farke stand bei Leeds ja schon kurz vor dem Aus, hat jetzt die Macht bekommen, die Mannschaft umzustellen. Ich bin mir sicher, dass er diesen Verein mit so viel Fan-Power in der Klasse hält.
Und die beiden Neulinge Rose und Jaissle?
Bei Matthias Jaissle in Newcastle ist die Lage des Klubs total gefährlich. Sie haben mit Tonali, Bruno Guimarães oder Gordon das Gesicht der Mannschaft verkauft, müssen wegen der Finanzauflagen sparen. Wenn sie keine Neuen mehr holen, können die auch ganz nach unten rutschen, ohne dass Jaissle etwas dafür könnte. Und die Stimmung der Fans kann schnell kippen. Sehr schwierig wird es auch für Marco Rose, nachdem sein Vorgänger Iraola Bournemouth in die Europa League geführt hat. Wichtig ist, dass der Verein so realistisch bleibt und jedes Jahr Premier League als Erfolg sieht. Das Gute: Marco wird in jedem Fall nicht überdrehen und kann den Spielern sehr gut den Glauben an sich vermitteln. Alle diese Trainer haben eine wichtige Rolle.
Welche?
Deutschland muss in der Premier League präsent bleiben. Wenn wir das verschlafen und unsere Spieler und Trainer nicht mehr dabei sind, wäre das nicht gut für den deutschen Fußball.
